Politik ist ein merkwürdiges Theater. Auf der Bühne wird um Paragrafen gestritten, im Zuschauerraum geht es um Heizkostenabrechnungen. Und wenn am Ende des Winters die Nachzahlung höher ist als das Weihnachtsgeld, dann interessieren sich Menschen herzlich wenig für semantische Feinheiten des Gesetzgebungsverfahrens. Sie interessieren sich für die Frage: Wer hat das verbockt – und wer verspricht, mich zu retten?

Das sogenannte „Heizungsgesetz“ – formal das Gebäudeenergiegesetz – ist dafür ein Lehrstück. Ursprünglich als ordnungspolitisches Instrument zur Dekarbonisierung des Wärmesektors gedacht, geriet es 2023 in eine kommunikative Kernschmelze. Empirisch wissen wir: Klimapolitik wird dann akzeptiert, wenn sie als fair, planbar und sozial abgefedert wahrgenommen wird (Drews & van den Bergh, 2016; Beiser-McGrath & Bernauer, 2019). Sie wird abgelehnt, wenn sie als übergriffig, teuer oder elitär codiert wird. Genau diese Codierung setzte sich durch.

Der damalige Wirtschaftsminister Robert Habeck versuchte, das Gesetz nach massiver Kritik zu flexibilisieren. Dass Kommunikation nicht seine stärkste Waffe war, wurde ihm nicht nur politisch, sondern psychologisch zum Verhängnis. Framing-Effekte – also die Einbettung eines Sachverhalts in ein emotional aufgeladenes Narrativ – sind in der politischen Psychologie seit Tversky & Kahneman Standardliteratur. Wer „Technologieoffenheit“ sagt, klingt nach Freiheit. Wer „Heizungsverbot“ sagt, klingt nach Planwirtschaft. Menschen reagieren nicht auf Paragrafen, sie reagieren auf Bilder im Kopf.

Nun wird aus Teilen der CDU die Rückabwicklung zentraler Regelungen gefordert. Öl- und Gasheizungen sollen länger betrieben oder neu eingebaut werden können, flankiert von Hoffnungen auf „grüne Gase“. Dass die Potenziale für Biogas und synthetische Kraftstoffe in Deutschland mengenmäßig begrenzt und kostenintensiv sind, ist keine linke Spinnerei, sondern Stand der Energieökonomie (Sachverständigenrat für Umweltfragen, 2022; Agora Energiewende, 2023). Die Bundesnetzagentur weist regelmäßig auf die strukturelle Knappheit klimaneutraler Gase hin. Physik verhandelt nicht.

Psychologisch wird es dort interessant, wo politische Inkonsistenz auf soziale Verwundbarkeit trifft. Studien zur „relative deprivation“ – also wahrgenommener relativer Benachteiligung – zeigen, dass nicht absolute Armut Radikalisierung antreibt, sondern das Gefühl, unfair behandelt oder abgehängt zu werden (Gurr, 1970; Smith et al., 2012). Wenn Mieterinnen und Mieter steigende Nebenkosten tragen, ohne Einfluss auf die Heizungswahl ihres Vermieters zu haben, entsteht genau dieses Gefühl struktureller Ohnmacht. Kontrollverlust ist ein starker Prädiktor für autoritäre Einstellungen (Fritsche et al., 2013).

Und hier kommt die Alternative für Deutschland ins Spiel. Empirische Wahlforschung zeigt, dass ökonomische Unsicherheit, Statusangst und wahrgenommene kulturelle Bedrohung robuste Prädiktoren für rechtspopulistische Wahlentscheidungen sind (Inglehart & Norris, 2016; Gidron & Hall, 2020). Die AfD inszeniert sich als Schutzmacht gegen „die da oben“, gegen Klimapolitik, gegen Regulierung. Sie lebt von der Erzählung, dass politische Eliten den „kleinen Leuten“ ihre Lebensweise verteuern.

Wenn etablierte Parteien Klimapolitik entweder schlecht erklären oder opportunistisch verwässern, senden sie widersprüchliche Signale: Erst wird Dringlichkeit betont, dann relativiert. Erst heißt es, fossile Energien seien ein Auslaufmodell, dann werden sie politisch verlängert. Für Bürgerinnen und Bürger mit geringem Einkommen wirkt das wie ein Experiment am eigenen Küchentisch. Wer sich ohnehin marginalisiert fühlt, liest daraus: Die wissen selbst nicht, was sie tun – aber zahlen darf ich.

Radikalisierung entsteht selten aus Ideologie allein. Sie entsteht aus Frustration, Identitätskrisen und dem Bedürfnis nach klaren Verantwortungszuschreibungen. Sozialpsychologisch gesprochen: Menschen bevorzugen einfache Kausalerzählungen gegenüber komplexen Systemanalysen. „Die Grünen ruinieren euch“ oder „Die CDU verkauft euch an die Lobby“ sind emotional befriedigender als „multikausale Transformationsprozesse unter globalen Energiepreisbedingungen“.

Ironischerweise verstärkt jede Seite mit apokalyptischer Rhetorik genau jene Polarisierung, die sie zu bekämpfen vorgibt. Wer der CDU pauschal „Faschismusbeschleunigung“ vorwirft, betreibt denselben moralischen Absolutismus, den er kritisiert. Politische Psychologie nennt das affective polarization: Die Gegenseite wird nicht mehr als legitimer Wettbewerber, sondern als existenzielle Bedrohung wahrgenommen (Iyengar et al., 2019). Das Klima wird nicht nur wärmer, sondern auch heißer im Diskurs.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob eine einzelne Gesetzesänderung „Menschen in die Arme der AfD treibt“. Politische Einstellungen sind multikausal. Aber es ist empirisch gut belegt, dass ökonomische Unsicherheit, wahrgenommene Ungerechtigkeit und inkonsistente politische Kommunikation den Resonanzraum für extremistische Narrative vergrößern. Wer Klimapolitik sozial blind oder kommunikativ dilettantisch gestaltet, produziert psychologische Nebenwirkungen.

Die Pointe ist unerquicklich: Man kann gleichzeitig für ambitionierten Klimaschutz eintreten und anerkennen, dass Transformationspolitik ohne soziale Flankierung und klare Kommunikation politisch toxisch wird. Und man kann konservative Parteien kritisieren, ohne ihnen strategische Sabotage zu unterstellen. Demokratie ist kein Marvel-Film. Es gibt selten Superschurken – häufiger gibt es strukturelle Anreizsysteme, parteipolitische Kalküle und kommunikative Fehlleistungen.

Am Ende bleibt eine nüchterne Einsicht: Menschen radikalisieren sich nicht, weil sie CO₂-Emissionspfade studiert haben. Sie radikalisieren sich, wenn sie das Gefühl haben, dass Politik ihr Leben teurer, unsicherer und unkontrollierbarer macht – und niemand ihnen ehrlich erklärt, warum. Wer dieses psychologische Grundrauschen ignoriert, überlässt das Feld jenen, die einfache Antworten versprechen. Und einfache Antworten sind politisch hochentzündlich.