Wie Rhetorik von oben gesellschaftliche Grenzen verschiebt

Als Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst von einem „Problem im Stadtbild“ sprach, das durch Rückführungen „in großem Umfang“ gelöst werden müsse, schien es zunächst eine beiläufige politische Bemerkung. Doch psychologisch betrachtet liegt darin eine erhebliche Brisanz. Wenn eine Autoritätsperson wie der Regierungschef Migration mit dem Begriff „Problem“ verknüpft, verändert das, wie Menschen soziale Wirklichkeit wahrnehmen. Worte schaffen Realität. Sie definieren, was als normal, was als abweichend gilt – und wer dazugehört oder eben nicht.

Wird Migration oder gar das bloße Sichtbarsein von Menschen mit Migrationshintergrund als „Problem im Stadtbild“ bezeichnet, entsteht ein Bedeutungsrahmen, der bestimmte Gruppen aus dem symbolischen Raum gesellschaftlicher Zugehörigkeit ausschließt. Der Begriff „Problem“ verschiebt die Perspektive: Nicht Armut, Bildungsbenachteiligung oder politische Verantwortung werden zum Gegenstand der Debatte, sondern die Existenz bestimmter Menschen.

Die Sozialpsychologie hat diesen Mechanismus seit langem untersucht. Der sogenannte Framing-Effekt (Tversky & Kahneman, 1981; Lakoff, 2004) beschreibt, dass Sprache Wahrnehmung strukturiert. Wenn Begriffe wie „Migration“ und „Problem“ wiederholt gemeinsam auftreten, werden sie im Gedächtnis miteinander verknüpft. Selbst wenn der Sprecher keine direkte Schuldzuweisung beabsichtigt, entsteht eine unbewusste Assoziation: Migration bedeutet Belastung. Diese semantische Kopplung wirkt tief in die soziale Wahrnehmung hinein.

Hinzu kommt der Appell an den vermeintlichen gesunden Menschenverstand – jene Formulierung, man müsse „nur seine Kinder oder Töchter fragen“, um das Problem zu erkennen. Solche Aussagen erzeugen eine Schein-Evidenz: Wenn „alle“ es sehen, gilt es als Wahrheit. Der Diskurs verschiebt sich dadurch vom Argumentativen ins Emotionale. Widerspruch wird moralisch riskant, weil er als Ignoranz gegenüber einer vermeintlich offensichtlichen Realität erscheint.

Aus psychologischer Sicht ist das gefährlich, weil Autoritätspersonen nicht nur politische, sondern auch normative Wirkung entfalten. Seit den klassischen Arbeiten von Stanley Milgram und Philip Zimbardo wissen wir, dass Menschen dazu neigen, sich an den Haltungen und Sprachmustern mächtiger Personen zu orientieren. Wenn ein Kanzler Migration als sichtbares Problem beschreibt, signalisiert das vielen: Es ist legitim, so zu denken und zu sprechen. Damit verschieben sich gesellschaftliche Normen. Was gestern noch als inakzeptabel galt, erscheint heute sagbar.

Die Diskursforscherin Ruth Wodak hat diesen Prozess als „Normalisierung rechtspopulistischer Rhetorik“ beschrieben. Wiederholte semantische Kopplungen – etwa Migration gleich Unsicherheit, Feminismus gleich Übertreibung, Klimaaktivismus gleich Chaos – verlagern das Zentrum der öffentlichen Debatte schrittweise nach rechts. Medien übernehmen diese Begriffe, Bürgerinnen und Bürger wiederholen sie, und wer widerspricht, gilt als überempfindlich oder „ideologisch“. Es entsteht ein stiller Konsens, der rechte Narrative gesellschaftsfähig macht, ohne dass jemand laut „rechts“ sagen müsste.

Soziale Identitätstheorien (Tajfel & Turner, 1979; Brewer, 1999) zeigen, dass solche Rahmungen In-Group/Out-Group-Strukturen verstärken. Wenn eine Gruppe pauschal mit negativen Eigenschaften belegt wird, wächst das Gefühl sozialer Distanz. Empathie sinkt, Misstrauen steigt. In der Summe entsteht das, was Schulleiter Sven Winkler in seiner Reaktion auf die Merz-Aussage benannte: gesellschaftliche Spaltung. Schulen erleben diese Dynamik unmittelbar. Kinder und Jugendliche nehmen auf, was Erwachsene legitimieren. Wenn Politiker bestimmte Gruppen als „Problem“ markieren, wird das sprachliche Vorbild – und manchmal auch die Rechtfertigung – für Ausgrenzung auf dem Pausenhof.

Sprache ist nie neutral. Sie wirkt performativ: Wer ein gesellschaftliches Phänomen benennt, gestaltet es mit. Wenn der Bundeskanzler über „Probleme im Stadtbild“ spricht und dabei Migration als Kontext nennt, verlagert sich der semantische Fokus von Integration auf Gefährdung. Damit verschiebt sich nicht nur ein politischer Diskurs, sondern auch ein moralischer Kompass.

Politisch mag diese Art der Rhetorik kurzfristig nützlich sein. Sie signalisiert Handlungsfähigkeit, greift diffuse Ängste auf und vermittelt Nähe zur sogenannten Mitte der Gesellschaft. Psychologisch aber ist sie destruktiv. Sie aktiviert unbewusste Bedrohungsframes, stärkt kollektive Angst und senkt die Schwelle für pauschale Abwertung. Was folgt, ist keine offene Debatte mehr, sondern ein Resonanzraum aus Zustimmung und Empörung – beides emotional, selten reflektiert.

Die Verantwortung politischer Autoritätspersonen liegt daher nicht nur in ihren Entscheidungen, sondern auch in ihrer Sprache. Sie prägen, was als legitim gilt, und sie modellieren, wie Demokratie klingt. Wenn sie bestimmte Gruppen problematisieren, verschiebt sich die demokratische Mitte – nicht schlagartig, sondern schleichend.

Worte sind nicht bloß Symbole. Sie sind Handlungen, die Realitäten schaffen. Wer in einer pluralen Gesellschaft für Zusammenhalt steht, muss Sprache mit derselben Sorgfalt wählen wie politische Strategien. Denn jede Formulierung, die Menschen aus dem symbolischen Raum des „Wir“ drängt, spaltet – lange bevor jemand es merkt.